Weltgeschichte als Vernetzungs- und Innovationsgeschichte
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(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)    Rezension bezieht sich auf: Weltgeschichte (Gebundene Ausgabe) Wer es heutzutage unternimmt, allein eine Weltgeschichte zu schreiben, verdient Respekt, vor allem, wenn er wie Jürgen Mirow jeglichen Eurozentrismus vermeidet und den allgemeinen Ursachen historischer Veränderungen nachgeht, statt sich damit zu begnügen, Ereignisse in chronologischer Folge aufzulisten.

Die Fragen, mit denen ein solches Unterfangen konfrontiert ist, formuliert Mirow präzise: "Warum besteht die Welt heute aus einem System formal gleichberechtigter Staaten, ...? ... Warum sind einige Länder heute reich und andere arm? ... Warum war es Europa, das Amerika eroberte und dann ... seinen Einfluss auf die ganze Welt ausdehnte ...? ... Warum entstand die moderne Wissenschaft in Europa und nicht in China oder Indien? ... Warum kam es zum Entwicklungssprung der Industrialisierung? ... Unter welchen Bedingungen konnten Demokratien entstehen und dauerhaft bestehen bleiben ...? ... Was lief insbesondere in der islamischen Welt schief, die im hohen Mittelalter einen großen Vorsprung vor Europa gehabt hatte, dann aber hinter Westeuropa zurückfiel?" (S. 15).

Um diese Fragen zu beantworten, ist neben umfassendem Wissen vor allem ein angemessener theoretischer Ausgangspunkt erforderlich. Mirow zufolge kann die Weltgeschichte weder wie vom Marxismus und der Modernisierungstheorie als zielgerichteter Fortschritt, noch wie von Spengler und Toynbee als zyklischer Vorgang in Analogie zu biologischen Prozessen verstanden werden. Da sie aber auch nicht völlig chaotisch verlaufe, biete sich am ehesten das Modell einer "gerichteten Entwicklung" an, die langfristig zur Intensivierung der Kommunikation und der Zunahme von Innovationen führe.

Beide Phänomene bedingten einander: Je enger und vielfältiger Menschen miteinander verbunden seien, umso größer werde das kollektiv verfügbare Wissen und damit die Wahrscheinlichkeit, dass Innovationen auftauchten, die wiederum in der Regel zur Verstärkung der Kommunikationsbeziehungen führten.

Als Bezugsgrößen welthistorischer Entwicklungen wählt Mirow weder Völker noch Kulturen, sondern die Netzwerke der Wirtschaft, der Herrschaft und der Kultur, die er für weitgehend selbständig hält.

Zwar würden diese Netzwerke im Laufe der Geschichte größer und differenzierter, doch verlaufe ihre Entwicklung nicht notwendigerweise parallel. So könne z. B. der wirtschaftliche Wandel einer Gesellschaft durchaus schneller erfolgen als der politische oder der kulturelle.

Aus der Gesamtkonstellation der drei Netzwerke ergebe sich der für geographische Regionen jeweils charakteristische "Entwicklungspfad". Die verbreitete Neigung, bestimmte Länder oder Kontinente als Maßstab für andere zu betrachten, sei unberechtigt. Es gebe weder einen europäischen, noch einen deutschen oder japanischen "Sonderweg", da keine "Normalwege" existierten.

Im Hauptteil seines Buches versucht Mirow die Entwicklung der drei Netzwerke in allen wichtigen Regionen der Erde zu skizzieren, typische Unterschiede herauszuarbeiten und die historisch entscheidenden Innovationen zu erklären. Dabei bedient er sich einer ausgefeilten Typologie, die es erlaubt, Entwicklungsstufen der Kultur, der Herrschaft und der Wirtschaft mit großer Genauigkeit zu bestimmen. Seine darauf beruhenden Vergleiche zählen zu dem Aufschlussreichsten, was ich aus der welthistorischen Literatur kenne.

Mirows Erklärung der großen Innovationen ist dagegen weit weniger überzeugend. Hinsichtlich der Entstehung der modernen Wissenschaft gelingt es ihm nicht einmal, das charakteristisch Neue des Phänomens zu erfassen. Seine Behauptung, die Naturphilosophie habe sich im Europa des 17. Jahrhunderts in Naturwissenschaft verwandelt, weil Theorie und Erfahrung erstmals zueinander gefunden hätten (S. 396), ist nicht nur falsch, sie steht auch im Widerspruch zu seiner eigenen Feststellung, bereits Aristoteles habe diese Verknüpfung zustande gebracht (S. 212). Zudem fällt hier Mirows geringe Kenntnis der Sekundärliteratur auf. Nicht ein einziges Buch der vier für die Erforschung der "wissenschaftlichen Revolution" klassischen Autoren (Koyré, Burtt, Dijksterhuis, Anneliese Maier) wird von ihm herangezogen.

Besser, aber nicht wirklich zufriedenstellend ist die Erklärung der Industrialisierung. Koloniale Ausbeutung sei für diesen Vorgang ebenso unwichtig gewesen, betont Mirow, wie zivilgesellschaftliche Einrichtungen und Demokratisierungsprozesse. Hingegen hätten offene Märkte, stabile politische Verhältnisse, verkehrsgünstige Kohlelagerstätten sowie eine ausgebaute Infrastruktur zu den notwendigen Voraussetzungen gehört. Während all dies in Indien, China und Europa gleichermaßen vorhanden war, hätten nur letztere als Druckkulturen über das nötige Innovationspotenzial verfügt, und allein in Europa sei die Erforschung der Mechanik konsequent vorangetrieben worden, weshalb die Industrielle Revolution nirgendwo sonst erfolgen konnte.

Abgesehen davon, dass Zweifel an dieser Liste angebracht sind (manche Historiker halten hohe Massenkaufkraft, geringe soziale Ungleichheit, die innere Schwäche der europäischen Staaten sowie die Modernisierung ihrer Landwirtschaft für wichtiger), bleibt eine überzeugende Gewichtung der genannten Faktoren aus. Außerdem fehlt ihre geschichtliche Einordnung. Warum gab es ausschließlich in Europa eine Tradition der Beschäftigung mit mechanischen Fragen?

Was Mirow an dieser und vielen anderen Stellen seines Buches versäumt, ist die konsequente Umsetzung des Gedankens der Pfadabhängigkeit. Viele historische Phänomene sind durch komplexe Konstellationen kultureller, politischer und wirtschaftlicher Faktoren bedingt. Statt die Entstehung und Wandlung solcher Konstellationen über einen längeren Zeitraum zu verfolgen, begnügt sich Mirow meist mit der bloßen Aufzählung ihrer Komponenten, so dass er wichtige Innovationen mehr beschreibt als erklärt. Überhaupt gelingt es ihm nur begrenzt, die Dynamik geschichtlicher Entwicklungen einzufangen. Sein Buch wirkt über weite Strecken wie das Werk eines welthistorischen Buchhalters.

Eine stärkere Berücksichtigung der Pfadabhängigkeit historischer Prozesse hätte im Übrigen deutlich gemacht, dass der Kulturbegriff unverzichtbar ist. Schließlich ist "Kultur" nichts anderes als ein bündiger Ausdruck für die "pfadabhängige" regionale Wechselwirkung der drei "Netzwerke" Mirows. Sollte der Umstand, dass er bei seinen Vergleichen regelmäßig Europa, den islamischen Raum, Indien und China einander gegenüberstellt, etwa nicht damit zusammenhängen, dass es sich hierbei um die großen Hochkulturen der Menschheit handelt?

Mirows Stoffauswahl ist nicht immer nachvollziehbar. Die nahezu völlige Ignorierung der Kunst- und Literaturgeschichte ließe sich vielleicht verschmerzen. Doch ist es gerechtfertigt, die Entstehung des Films anzusprechen, die der Oper und des Romans aber zu übergehen? Die Aufklärung zu behandeln, die Entwicklung der Weltreligionen aber weitgehend außer Acht zu lassen?

Auch die Vernachlässigung der Ereignisgeschichte erscheint fragwürdig. Alexander der Große, Caesar, Aschoka, Mohammed, Napoleon und Lenin tauchen bestenfalls in Nebensätzen auf, während zentrale Geschehnisse wie die Auflösung der römischen Republik, die Völkerwanderung, die Reformation, die Französische Revolution und die beiden Weltkriege im Telegrammstil abgehandelt werden. Wer mit diesen Themen nicht wohlvertraut ist, dürfte von der Darstellung, die ihnen hier zuteil wird, nur wenig profitieren. Obwohl Mirow einräumt, dass manchen politischen Entscheidungen historische Tragweite zukommt (S. 79), hat er dies in keinem Falle prägnant herausgearbeitet.

Letztlich können all diese Schwächen aber nichts daran ändern, dass es sich insgesamt um ein herausragendes Buch handelt, das den Vergleich mit den Weltgeschichten William H. McNeills (The Rise of the West, Chicago 1963) und Fernand Braudels (Grammaire des Civilisations, Paris 1987) nicht zu scheuen braucht.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 6. Mai 2010
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